Elektrounfall: Wenn Spannung gefährlich wird

Beitragsbild zum Gastbeitrag von Heidi Vock
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Noch immer wird die Gefahr, die von Elektrizität ausgeht, unterschätzt. Was müssen Arbeitgeber, Mitarbeiter und Betriebssanitäter wissen, um Elektrounfälle zu verhindern und im Notfall richtig zu handeln?

Obwohl ein Stromschlag oft glimpflich abläuft: Das Risiko, bei einem Elektrounfall das Leben zu verlieren, ist 50 Mal höher als bei anderen Unfällen.

Niederspannungsunfall (<1000 Volt)

Der Fall: Ein 19-jähriger Elektriker-Lehrling verlegt zusammen mit seinem Vorarbeiter ein Stromkabel. Plötzlich spürt der Lehrling einen Schlag und bleibt darauf für 30 Sekunden mit beiden Händen am Kabel kleben. Er stürzt zu Boden, ohne das Bewusstsein zu verlieren und hat ausgeprägte Schulterschmerzen. Der Vorarbeiter alarmiert den Notruf 144. Der Lehrling wird ausgiebig untersucht und während sechs Stunden auf der Intensivstation überwacht. Danach wird er mit einem Schmerzmittel nach Hause entlassen.

Hat der Vorarbeiter überreagiert? Nein! Vor allem Elektrofachkräfte unterschätzen und bagatellisieren solche Verletzungen häufig, da sie äusserlich nicht feststellbar sind. Gemäss «Verordnung zur Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten» ist der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet dafür zu sorgen, dass die Sicherheit und Gesundheit des Arbeitnehmers jederzeit gewährleistet ist. Dies beinhaltet auch, eventuelle Folgeschäden zu verhindern. Der Mitarbeiter ist verpflichtet seine Arbeit zu verweigern, wenn die Sicherheitsregeln nicht eingehalten werden können. Auch muss er defektes Material sofort melden und darf nicht damit arbeiten. Er haftet sonst selber für den Unfall.

Im Notfall gilt: Hektik vermeiden und die Eigensicherung beachten. Ausschalten der Stromquelle, Stecker ziehen, Stromleiter mit einem nichtleitenden Gegenstand wegziehen. Bewusstsein und Atmung des Patienten prüfen, bei Kreislaufstillstand BLS 30:2. Notruf 144. Ein- und Austrittsstelle (Strommarken) suchen, um den Weg des Stroms durch den Körper bzw. die Organe abzuschätzen und so Komplikationen vorauszusehen. Die Ein- und Austrittsstellen werden gekühlt und anschliessend steril verbunden. Der Patient wird bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überwacht (Bewusstsein, Atmung, Blutdruck, Puls).

Hochspannungsunfall (>1000 Volt)

Der Fall: In einem Bahndepot sind mehrere Mitarbeiter einer Firma mit der Revision von Rangierlokomotiven beschäftigt. Aus ungeklärten Gründen erleidet ein Mitarbeiter einen Stromschlag der Fahrleitung. Er hat schwere Verbrennungen am ganzen Körper. Wird er den Unfall überleben?

Viele Patienten sterben bei einem Hochspannungsunfall innert Sekunden an einem Herzstillstand. Dieser Patient schwebt immer noch in höchster Lebensgefahr: Schwere, ausgedehnte Verbrennungen treten bei Hochspannungsunfällen immer auf und führen oft zu Komplikationen, welche tödlich sein können.

Im Notfall gilt: Eigensicherung beachten. Unfallstelle absichern – Sicherheitsabstand mindestens 10-15 Meter einhalten! Der Zugang zum Patienten ist erst erlaubt, wenn Fachkräfte die Spannungsfreiheit überprüft und die Unfallstelle freigegeben haben. Das Freischalten der Stromquelle erfolgt ausschliesslich durch spezialisierte Elektrofachkräfte und wird gegen fälschliches Wiedereinschalten von diesen gesichert. Bewusstsein und Atmung des Patienten prüfen, bei Kreislaufstillstand BLS 30:2. Notruf 144 mit Hinweis auf Hochspannungsunfall.

Bei ansprechbaren Patienten: Hektik vermeiden, einfühlsame Patientenbetreuung, kühlen der Verbrennungen und Abschätzen des Stromweges durch den Körper, um weitere Komplikationen vorauszusehen. Bewusstsein, Atmung, Blutdruck und Puls überwachen. Gemäss Starkstromverordnung StV Art. 16 besteht für alle Ereignisse in Starkstromanlagen (ohne Bahnunfälle) Meldepflicht an das Starkstrominspektorat ESTI.

Das Fazit

Die Sensibilisierung aller Mitarbeiter im Betrieb im Umgang mit Strom hilft, Elektrounfälle zu vermeiden. Damit senken Sie nicht nur Kosten für die Versicherung sowie viel administrativen Umtrieb und allenfalls einen Gerichtsfall, sondern auch viel Leid. Eine spannende Schulung zum Thema stärkt nicht nur die Sicherheit im Betrieb, sondern auch den Teamgeist unter dem Personal.

Heidi Vock
Heidi Vock
Vize-Präsidentin / Geschäftsführerin notfallTrading schweiz at

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